#15 Ein kritischer und reflektierter Umgang mit Nachrichten zu Pandemiezeiten: Wie geht das? (Teil 2)

Gehörst Du auch zu den Menschen, die jeden Tag Nachrichten lesen? Vielleicht sogar mehrmals pro Tag?Dann kennst Du bestimmt auch das folgende Dilemma: Du möchtest dich informieren und darüber Bescheid wissen was in der Welt geschieht, aber merkst gleichzeitig, dass dich die Schreckensmeldungen der Nachrichten aufwühlen und mit einem hilflosen Gefühl zurücklassen.

In Teil 1 habe ich 5 Tipps mit dir geteilt, die dir dabei helfen können, Nachrichten und Informationen zu hinterfragen und kritisch damit umzugehen. Im heutigen Teil 2 wenden wir uns dem emotionalen Aspekt des Nachrichtenkonsums und damit der Frage zu, wie es gelingen kann informiert zu bleiben ohne innerlich abzustumpfen oder angesichts der vielen Schreckensnachrichten aus aller Welt zu resignieren.

5 Impulse, wie Du trotz Nachrichtenkonsum deine innere Balance bewahrst

  1. Innere Stabilität und Struktur helfen in Zeiten ständigen Wandels

Die gesamte Welt und alles was lebt, unterliegt ständiger Veränderung. So auch unsere Ansichten und der Stand der Wissenschaft: Was gestern noch als falsch galt (weil wissenschaftlich nicht belegt), ist morgen vielleicht schon allgemein bewiesen und anerkannt. In Zeiten permanenten Wandels ist es umso wichtiger, eine Art innere Stabilität und Struktur für sich selbst zu etablieren, die Sicherheit und Halt gibt. Wie diese Stabilität konkret aussieht, hängt stark von deinem individuellen Sicherheitsbedürfnis und deinen Lebensumständen ab. Ein soziales Umfeld, in dem wir uns geborgen fühlen, hilfreiche Bewältigungsstrategien für alltägliche Belastungssituationen und die Fähigkeit, gut auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen und für sich zu sorgen, helfen in jedem Fall mit Unsicherheiten und ständigen Veränderungen besser umzugehen. 

  1. Nachrichten zeigen lediglich einen kleinen Ausschnitt der Realität

Nachrichten zeigen dir immer nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und diese Ausschnitte konzentrieren sich leider in 99 % der Fälle auf die furchtbaren Dinge, die in der Welt passiert sind. Wenn man viele Nachrichten liest könnte man meinen, dass die ganze Welt nur voller krimineller und schlechter Menschen wäre. Dieses Bild täuscht allerdings gewaltig. Denn tatsächlich sind die meisten Menschen gut und wünschen sich einfach nur ein glückliches und schönes Leben, so wie Du und ich auch. Bei den Meldungen in den Nachrichten handelt es sich also immer um die aufsehenerregenden Ausnahmen und nicht die Regel!

  1. Die Perspektive in Nachrichten ist oft einseitig und verkürzt

Jede/r von uns wäre unter bestimmten Bedingungen dazu fähig, furchtbare Taten zu begehen. Wenn Du mit einem stabilen sozialen Umfeld, einer gewissen finanzieller Sicherheit und psychischem Wohlbefinden gesegnet ist, ist die Wahrscheinlichkeit hierfür zwar gering, aber nie völlig ausgeschlossen. Und ja: Es gibt Kriminelle und psychisch erkrankte Menschen, die in persönlichen Ausnahmesituationen schlimme Taten begehen. In den Nachrichten wird allerdings selten darüber berichtet, in welcher persönlichen Ausnahmesituation sich der/die TäterIn zum Tatzeitpunkt befand. Der Kontext der Taten macht die Taten zwar nicht besser und kann sie auch nicht ungeschehen machen, allerdings könnte er bei der Einordnung einiger Meldungen hilfreich sein. Zudem gilt: kaum ein Mensch ist ein „Monster“, also zu 100 % schlecht. Menschen tragen immer sowohl gute wie auch zerstörerische Eigenschaften und Anteile in sich.

  1. Bleib empathisch und achte darauf, was Du in deinen Kopf lässt

Es ist ein menschlicher, ganz natürlicher Schutzmechanismus, sich zu verschließen und die ganzen furchtbaren Meldungen, die jeden Tag auf uns einprasseln, nicht mehr emotional an sich „ranzulassen“. Die Schreckensmeldungen der Nachrichten bewirken eine Art Gewöhnungseffekt: Wenn man schlimme Nachrichten sieht, trifft einen die Grausamkeit der Meldung das erste Mal vielleicht noch mit voller Wucht, aber mit jedem Mal weniger bis solche Meldungen einen gar nicht mehr berühren. Durch diesen Gewöhnungseffekt besteht allerdings die Gefahr, dass Du auch in anderer Hinsicht abstumpfst und langfristig auch in deinem privaten Umfeld weniger empathisch bist. Nachrichten und auch andere Medien haben damit einen Anteil an der Verrohung die sich innerhalb unserer Gesellschaft beobachten lässt. Achte bewusst darauf, welche Bilder und Emotionen du in deinen Kopf lässt. Die Medien sind voll von Gewalt und Schrecken, der in Form von Krimis und Horrorfilmen unserer Unterhaltung dienen soll. Ist das Leben einiger Menschen tatsächlich so langweilig, dass sie sich auf diese Weise einen emotionalen „Kick“ holen müssen, um sich lebendig zu fühlen?

  1. Nachrichtendiät: Klasse statt Masse

Medien formen deine Wahrnehmung von der Welt und die der gesamten Gesellschaft. Daher kann es gut tun, regelmäßig eine Art „Nachrichtendiät“ zu machen, um bei dir selbst anzukommen und zu überprüfen, was wie es dir damit geht. Keine Sorge: Die wichtigsten Themen bekommst du ohnehin mit, egal ob Du Nachrichten konsumierst oder nicht. Wie viel deiner Lebenszeit schenkst Du Medien, an deren Inhalte Du dich schon zwei Tage später nicht mehr erinnern kannst? Wenn dir der Schritt einer „Nachrichtendiät“ zu krass ist, kannst du auch in einem ersten Schritt versuchen, deinen Nachrichtenkonsum in zeitlicher Hinsicht (z.B. auf 10 Minuten zu einer bestimmten Uhrzeit am Tag) und inhaltlich auf wenige ausgewählte Quellen zu beschränken.

Was verändert dein Nachrichtenkonsum?

Wir wollen mitbekommen, was in der Welt geschieht. Wir wollen gut informiert sein und nicht die Augen vor der Welt verschließen, um sie mitgestalten zu können. Allerdings lohnt sich ein regelmäßiger selbstkritischer Blick:

  • Gestaltest du die Welt wirklich aktiver durch deinen Nachrichtenkonsum?
  • Haben Nachrichten jemals dazu geführt, dass Du etwas in deinem Verhalten etwas positiv verändert oder über dein eigenes Verhalten nachgedacht hast?

Bewusster Medienkonsum führt zu mehr Mitgefühl und Empathie

Ich hoffe, dass die beiden Beiträge dich dazu inspirieren, unsere oftmals passive Rolle als bloße „KonsumentInnen“ von Medien zu hinterfragen. Gerade zu Pandemiezeiten erleben wir eine scheinbare Distanz zwischen unserem eigenen kleinen Mikrokosmos und der Welt „da draußen“. Wir sind allerdings Bestandteil dieser Welt und stehen in ständiger Wechselwirkung mit anderen Menschen. Und Medien spielen eine enorm wichtige Rolle bei der Kommunikation und dem Austausch der Menschen untereinander.

Im Idealfall schenken Medien uns einen Einblick in Lebensrealitäten, die wir in unserem persönlichen Umfeld nie „miterleben“ würden und weiten unseren Blick für die Probleme und Ansichten anderer Menschen. Ein bewusster Umgang mit Nachrichten hilft daher nicht nur enorm, gut informiert, kritisch und trotzdem mit einem positiven Blick in die Welt zu schauen, sondern auch unsere Empathie und unser Mitgefühl zu erweitern.