#16 Warum Dich das Erreichen von Zielen nicht glücklich macht

Endlich hatte ich es geschafft. 7 Jahre lang hatte ich gelernt wie eine Besessene. Habe mich durchgebissen und nicht unterkriegen lassen. Hunderte von Übungsklausuren hatte ich geschrieben, bis mir die Handgelenke schmerzten. …Und da lag ich nun am See und ließ mir die Sonne auf meine bibliotheksweiße Haut scheinen. Konnte es kaum fassen, dass ich dieses irrsinnig lange Jurastudium wirklich hinter mich gebracht hatte. Ich hatte es geschafft. Ein für alle Mal. Aber war ich jetzt glücklicher als vorher? Um ehrlich zu sein: Nicht wirklich. Natürlich fühlte ich mich erleichtert, befreit und stolz aber bezogen auf mein „Lebensglück“ war ich genauso glücklich wie vorher.

Das „schale“ Gefühl nach dem Erreichen deiner Ziele

Kennst Du dieses „schale“ Gefühl nach dem Erreichen deiner Ziele? Du hast dir ein Ziel gesetzt, Tage, Wochen oder Jahre darauf hingearbeitet und gedacht:

  • Wenn ich erstmal die Schule/meine Ausbildung/mein Studium geschafft habe, fängt das richtige Leben an
  • Wenn ich meine/n Traumpartner/in gefunden habe, werde ich endlich glücklich sein
  • Wenn ich endlich 30 Kilogramm abgenommen habe, werde ich mich immer super fühlen

Aber sobald Du dein Ziel erreicht hast, bist Du genauso glücklich wie vorher. Warum fühlt es sich meistens nicht so toll an unsere Ziele zu erreichen, wie wir glauben?

Darf ich bekannt machen: Der Miesepeter namens „Ankunftsfehler“

Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft unter dem Begriff „Arrival fallacy“ (zu deutsch: „Ankunftsfehler”) diskutiert. Wir Menschen neigen dazu, unser Glück vom Eintreten eines Ereignisses in der Außenwelt abhängig zu machen. Viele hoffen insgeheim, dass sie (endlich) glücklich sein werden, sobald sie eine bestimmte Summe Geld verdient oder etwas bestimmtes in ihrem Leben erreicht haben (und wenn es der nächste Urlaub oder die Rente ist). Auf diese Art und Weise leben viele von uns ein Leben in „Wartestellung“ und arbeiten nur noch auf etwas hin, ohne den aktuellen Moment zu genießen. Aber woher kommt das?

Warum wir den Hals nie voll kriegen

Unsere Gesellschaft vermittelt uns leider nach wie vor das Gefühl, dass uns etwas fehlt um glücklich zu sein. Besonders deutlich wird uns das durch Werbung vermittelt. Hier werden schöne und (vermeintlich) glückliche Menschen gezeigt, die uns klar machen sollen: „Wenn Du endlich das neue XY hast/trägst/dich auf den Malediven am Strand räkelst, wirst du glücklich sein. Also kauf mich!“ Die Werbung lenkt unseren Blick immer auf das, was wir (noch) nicht haben und was uns vermeintlich fehlt, um endlich glücklich zu sein. Werbung löst ein Verlangen und eine Gier nach „mehr“ in uns aus. Auf diese Weise strampeln wir uns in Jobs ab, die wir nicht mögen, um uns Dinge leisten zu können, die uns nicht glücklich machen.

Die Jagd nach Zielen

Ähnlich verhält es sich mit Zielen. Wir freuen uns einige Tage darüber, unser Ziel erreicht zu haben, gewöhnen uns jedoch schnell daran und arbeiten dann schon wieder auf ein neues Ziel hin. Dabei ist grundsätzlich nichts falsch daran, sich Ziele zu setzen und diese Stück für Stück zu erreichen. Ganz im Gegenteil. Wenn wir allerdings fälschlicherweise davon ausgehen, dass uns das Erreichen eines Ziels glücklich machen könnte, kann das auf Dauer ganz schön frustrierend sein. Einige sind am Boden zerstört wenn sie jahrelang auf ein Ziel hingearbeitet haben und merken, dass sie sie das erreichte Ziel kein Stück glücklicher gemacht hat. Besonders schmerzhaft kann es sein, wenn hierdurch ganze Jahre deines Lebens an dir vorübergezogen sind ohne dass Du sie richtig genießen konntest (z.B. weil Du im Glauben an eine bessere Zukunft immer nur „durchgehalten“ hast). Was kannst Du also tun, um den Kreislauf aus Zielsetzung, Zielerreichung und dem schalen Gefühl danach zu durchbrechen?

Finde etwas, das größer ist als einzelne Ziele

Suche dir etwas, das größer ist als einzelne, konkrete Ziele die Du früher oder später erreichen wirst. So etwas wie eine „Vision“, die mit deinen Werten übereinstimmt. Der Hirnforscher Gerald Hüther verwendet hierfür z.B. den Begriff „Anliegen“. Ein Anliegen ist etwas, das dir sehr am Herzen liegt, das Du aber im Grund nie (vollständig) erreichen kannst. Anders als konkrete Ziele „hakst“ du diese also nicht einfach ab, nachdem Du sie erreicht hast, sondern richtest dein Leben, dein Denken und Handeln nach diesem Anliegen aus wie nach einem „Leitstern“.

Bsp.: Mein „Anliegen“

Eines meiner „Anliegen“ ist z.B. Lernen und Wachstum. Ich liebe es, Dinge zu lernen und zu durchdringen, die mich interessieren. Mein Bedürfnis zu lernen hat mich durch Höhen und Tiefen meines Studiums getragen und motiviert mich auch weiterhin. Gerade weil es kein messbares Ergebnis gibt, das mir zeigt wann ich „fertig“ gelernt habe. Lernen ist vielmehr eine lebenslange Aufgabe und Triebkraft für mich geworden. Ich möchte immer weiter neue Dinge lernen die ich spannend finde, mich weiterentwickeln und wachsen. Und das ist zutiefst befriedigend und sinnstiftend!

Was ist Dein „Anliegen“?

Wie findest Du also dein ganz persönliches Anliegen? Dein Anliegen ist eng verknüpft mit deinen Werten und dem, was dir wichtig ist. Falls Du deine Werte noch nicht kennst, schnapp dir mein kostenloses Worksheet und finde sie heraus! Wenn Du dir über deine Werte klar geworden bist, verbinde sie mit deinen Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Was möchtest Du in der Welt hinterlassen?
  • Wofür stehst Du jeden Morgen auf?
  • Was zieht sich wie ein „roter Faden“ durch dein Leben?

Dein „Anliegen“ verbindet einzelne Ziele zu einem großen Ganzen

Dein „Anliegen“ verbindet im Idealfall alle Teile deines Lebens zu einem großen Ganzen. Außerdem kann es sich auch im Laufe deines Lebens verändern, anpassen und mit dir und deinen Lebensumständen mitwachsen. Daher macht es zu bestimmten Zwecken auch weiterhin Sinn, dir Ziele zu setzen, die der Umsetzung deines „Anliegens“ dienlich sind. Du solltest dich lediglich von der Illusion verabschieden, dass dich die Erreichung dieser Ziele glücklich macht.

Ausnahmen: Gibt es auch Ziele, die glücklich machen?

Die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse wie genügend Nahrung, wärmende Kleidung, ein Dach über dem Kopf und eine gewisse finanzielle Sicherheit bilden tatsächlich eine Ausnahme und sind nicht vom „Arrival fallacy“ betroffen. Denn wenn diese Dinge in deinem Leben zunächst fehlen und Du sie dann irgendwann hast, verbessert das deinen Lebensstandard spürbar und damit nachhaltig dein persönliches „Glücksempfinden“. Hinzu kommt, dass deine Wertschätzung für diese Dinge regelmäßig höher ist, wenn Du erlebt hast wie es ist, ohne sie zu leben.

Genieße den Weg

Unser Leben besteht zum allergrößten Teil aus dem, was wir „Alltag“ nennen. Es wäre doch viel zu schade, wenn wir unser Leben lang immer nur auf Dinge hinarbeiten und die Zeit auf dem Weg dorthin (also unseren „Alltag“) nicht genießen! Wir können in jedem Moment unseres Lebens glücklich sein: dafür müssen wir nichts „erreichen“. Finde heraus, was dir Freude macht und dir gut tut. Und dann tu genau das und bau es in dein alltägliches Leben ein. Halte immer wieder inne und genieße, dass du am Leben bist. Genieße die kleinen Dinge in deinem Leben und übe Dankbarkeit und Wertschätzung statt blind von einem Ziel zum nächsten zu rennen.