# 18 Drei Tipps, die dich vor der „Toxic-Positivity“-Falle bewahren

Es gibt es über 100 Mio. Beiträge  zu #goodvibes auf Instagram. Und sicherlich genauso viele Zitate und Wandaufklebersprüche wie: “Gibt dir das Leben Zitronen, dann mach Limonade daraus.“ Wir sind überall von (vermeintlichem) Optimismus und guten Ratschlägen umgeben. Und natürlich ist grundsätzlich auch nichts falsch daran, konstruktiv und lösungsorientiert mit Dingen umzugehen. Ganz im Gegenteil. Allerdings gibt es auch Optimismus, der so grausam und ignorant ist, dass er sich wie ein Panzer zwischen Menschen schiebt und der echte Verbundenheit verhindert.

„Lach doch mal“

Der Druck, immer „gut drauf“ sein zu müssen, damit andere einen nicht als „negativ“ abstempeln, ist enorm. Sich auch mal mit seiner schlecht gelaunten, weinerlichen oder nörgelnden Seite zu zeigen, ist leider schon längst nicht mehr „normal“, sondern kommt manchmal einer Mutprobe gleich. Zu zeigen, dass nicht alles so „perfekt“ ist wie es von außen scheint, macht einen verletzlich. Denn damit setzt man sich dem Risiko aus, eine Reaktion zu bekommen wie z.B.: „Immerhin hast du ja einen Job/Partner/was auch immer…“.

Toxic Positivity hat viele Gesichter

Die Folge: Nach so einer Reaktion wird sich die Person künftig hüten, ihre Sorgen und Emotionen zu teilen. Zu schmerzhaft ist das Gefühl, beim Gegenüber vor eine emotionale „Wand“ zu laufen und sich hinterher noch einsamer zu fühlen als vorher.

Toxic Positivity hat viele Erscheinungsformen. Und niemand kann sich davon frei machen, sie nicht schon in der ein oder anderen Form verbreitet zu haben. Denn meistens tarnt sich diese vergiftete Positivität in Form von Aufmunterungsversuchen und wohlgemeinten Ratschlägen (und wer hat nicht schonmal versucht, jemanden aufzuheitern?).

Einige Beispiele:

  • Du bist unzufrieden mit deiner Arbeit? –> „Sei doch froh, dass du überhaupt Arbeit hast!“
  • Du gehst durch eine Trennung? –> „Andere Mütter haben auch schöne Töchter/Söhne!“
  • Dir geht es schlecht? –> „Deine Probleme hätte ich gern. Guck doch mal wie schlecht XY in … dran sind…“

Eine fehlende Reaktion und das (meist gut gemeinte) Hinweggehen über schlimme Ereignisse, als wäre „nichts geschehen“ sind ebenfalls Erscheinungsformen der Toxic Positivity.

Wenn es dir schlecht geht, hast Du wohl noch nicht genug an deinem „Mindset“ gearbeitet

 „Wenn du dich nur genug abstrampelst, wirst du es zu Wohlstand schaffen und (irgendwann) glücklich sein.“ … dieses verheißungsvolle Versprechen schwingt in vielen Bereichen unseres Lebens mit und wird trotzdem selten eingelöst. Toxic Positivity ist gewissermaßen die Ableitung dieses Versprechens: Wer es nicht zu Wohlstand, Gesundheit und Glück gebracht hat, muss nur noch mehr am eigenen „Mindset“ arbeiten oder sich noch mehr anstrengen. Die Konsequenz dieser Denke mündet in Gedanken wie: Selber schuld, wer in einem Land wie Deutschland im Alter arm ist und Flaschen sammeln muss. Selber schuld, wer in Deutschland Langzeitarbeitslos ist. Selber schuld, wer Depressionen, Krebs oder Übergewicht hat. Alles nur eine Frage der Einstellung. Was für ein zynischer Bullshit.

Die Welt ist komplizierter als viele wahr haben wollen

Die Formel „Disziplin + eiserner Wille + Fleiß“ ist kein Garant für Wohlstand, Gesundheit und Zufriedenheit. Sie erhöht zwar die Chancen, sich einen gewissen materiellen Wohlstand aufzubauen, aber mehr auch nicht. Denn das Leben ist nicht plan- und kontrollierbar. (Psychische) Erkrankungen, Schicksalsschläge, der Verlust geliebter Menschen und viele andere Dinge können (und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit) jedem von uns passieren. Es gibt genügend Beispiele von Schicksalen um uns herum, die sich ihr Leben lang abgestrampelt haben und trotzdem nie nach außen hin „erfolgreich“ waren. Menschen, die immer Sport gemacht, sich gut ernährt und meditiert haben. Und die trotzdem innerhalb weniger Monate an Krebs sterben.

Diese brutale Realität anzuschauen und zu akzeptieren ist nicht leicht. Viel einfacher ist es da, so zu tun, als seien die Menschen selbst schuld an ihrem Schicksal. Und als könnten wir einem schweren Schicksal mit Fleiß, Geschäftigkeit, abgehakten To-Do-Listen und „positivem Denken“ entfliehen.

Das Paradoxe daran ist: Toxic Positivity verschlimmert den Schmerz und das Gefühl von Isolation.

Was kannst Du also tun?

3 Anregungen für mehr Verbundenheit und weniger Fake-Optimismus:

  1. Es ist ok, sich hilflos zu fühlen

Wenn sich eine Person mit ihrem Schmerz an dich wendet, erwartet sie nicht, dass Du eine Lösung findest oder sie aufmunterst. Die Person möchte einfach nur ihren Schmerz mit jemandem teilen. Die Wahrheit ist: Du kannst der Person durch nichts in der Welt ihren Schmerz nehmen. Aber Du kannst der Person beistehen und an ihrer Seite bleiben. Spüre deine eigene Hilflosigkeit und lerne, dieses Gefühl auszuhalten, auch wenn das alles andere als einfach ist.

  1. Erkenne die Ursachen und die Funktionsweise von Toxic Positivity

Es ist nicht einfach den Schmerz, die Trauer und das Leid einer anderen Person auszuhalten. Toxic Positivity ist ein Schutzmechanismus, mit dem wir diesen Schmerz innerlich von uns „wegschieben“. Denn indem wir mit Plattitüden reagieren, versuchen wir uns selbst zu schützen, fühlen uns weniger hilflos und haben wahrscheinlich sogar das Gefühl, die andere Person dadurch etwas „aufgemuntert“ zu haben. Wenn du schon einmal selbst mit Toxic Positivity konfrontiert warst, weißt du allerdings, dass sie sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlt.

  1. Wie Empathie aussehen kann

Höre zu. Sei offen und gib zu, dass du dich hilflos fühlst und nicht weißt, wie du auf die Sorgen der anderen Person reagieren sollst. Sei geduldig. Frag regelmäßig nach, wie es der Person geht. Biete in regelmäßigen Abständen deine Hilfe bei alltäglichen Dingen an (einkaufen, Essen kochen, etc.) um die Person zu entlasten. Biete an, Zeit mit der Person zu verbringen wenn ihr danach ist (Spaziergänge, einen Film gucken, etc.). Tatsächlich ist diese unverkrampfte Art und Weise des Beistands das Beste das du tun kannst, um die Person beim Umgang mit ihren unangenehmen Gefühlen zu unterstützen.

Alle Gefühle gehören zur menschlichen Erfahrung- die angenehmen genauso wie die unangenehmen

Statt pseudopositive Plattitüden nachzuplappern sollten wir anerkennen und darüber sprechen, dass alle Gefühle zu unserem Leben dazugehören – nicht nur die glücklichen und angenehmen. Und (am besten schon in der Schule!) lernen, wie wir Menschen hierbei beistehen und unterstützen.

Zum Schluss möchte ich dir noch dieses kurze und wunderbare Video zu einem Beitrag von Brené Brown ans Herz legen. Es zeigt sehr anschaulich den kleinen aber feinen Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid: https://www.youtube.com/watch?v=1Evwgu369Jw

Was sind deine Erfahrungen mit Toxic Positivity? Hast du sie selbst schonmal erlebt? Und was hilft dir bei einem bewussteren Umgang damit?